Obgleich sich bereits in den 1970er Jahren Filmemacher mit der Migrationsthematik beschäftigten, ist der deutsch-türkische Film in größerem Umfang erst seit Fatih Akıns GEGEN DIE WAND (2004) bekannt. Die mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Produktion erregte als Ausdruck der virulenten Veränderungsprozesse im Einwanderungsland Deutschland international großes Aufsehen. In der Presse war zu lesen, dass sich durch diesen Film das kursierende Bild über Migranten radikal verändert habe und mehr in Bewegung gekommen sei, als durch die Integrationsdebatten der letzten Jahrzehnte. Akın beruft sich in GEGEN DIE WAND auf Genres des Hollywood-Kinos und zitiert Topoi früherer Migrationsfilme. Was er damit jedoch inszeniert, ist eine Parabel über das unabdingbare Aufbegehren gegen Traditionen und die emotionale Bindekraft geteilter sozialer Praxis. Im Zentrum steht ein psychisch labiles, deutsch-türkisches Paar, das sich nach einer Scheinhochzeit näherkommt, aber durch Gewaltausbrüche eine gemeinsame Zukunft verwirkt und sich erst nach einer Sühnephase wieder begegnet.

Das Projekt „Geteilte Erfahrung Migration im deutsch-türkischen und türkischen Film" untersucht u. a. die filmischen Strategien, mit denen die Rezipienten affiziert werden. Dabei rückt beispielsweise das mimische Spiel der Protagonisten in den Fokus des Interesses, da hierüber der Umschlag von Gefühlen in besonderer Weise vermittelt wird. Gerade die Großaufnahme animiert die Zuschauer zu emotionaler Identifikation mit der über den Gesichtsausdruck vermittelten Gefühlslage.

Akın inszeniert den jähen Umbruch von Affektlagen durch spiegelnde Blicke der beiden Protagonisten bevorzugt durch Schuss-Gegenschuss-Einstellungen. Im filmischen Beispiel betritt Sibel glücklich strahlend eine Bar, in der ihr Mann Cahit soeben im Affekt seinen Konkurrenten Nico erschlagen hat. Noch bevor die Hinzukommende die Situation als solche erkennt, wird ihr Cahits verzweifelter Blick zum Korrektiv, an dem sie ihre Emotion ausrichtet. Ihre Gesichtszüge kippen vom Ausdruck der Freude in den der Bestürzung. Vermittels einer expressiven Ton- und Bildregie verdeutlicht die nächste Sequenz ihre darauffolgende heillose Verzweiflung. Als Sibel alleine in der Wohnung ist, öffnet sie (in Detailaufnahme) den CD-Player, legt (als melos) den Soundtrack des türkischen Gangsterfilms AĞIR ROMAN ein und dreht die Lautstärke auf. Das Voice-over einer eindringlich klagenden Männerstimme erfüllt die stumme Szene: Sibel tritt im Badezimmer vor den Spiegel, ihr gesenkter Kopf hebt sich, in Großaufnahme erblickt sie ihr verweintes Gesicht. Danach ist Sibels von heftigem Schluchzen geschüttelter Körper durch den bildmittig situierten Türrahmen des Badezimmers zu sehen. In dem Augenblick, da sie einen Schritt zurücktritt, kommt ihr rechter, blutüberströmter Unterarm ins Bild. Heftig weinend setzt sie sich auf den Rand der Badewanne und blickt auf die Wunde.

Im Film wird diese melodramatisch aufgeladene Einstellung zum Spiegelbild des erwünschten Zuschaueraffekts. Nachdem die Nahsicht auf das in Tränen aufgelöste Antlitz, den Betrachtern keine stabile Projektionsfläche mehr bietet, gibt eine distanziertere Kameraperspektive mit sichernder Rahmung Sibels Suizidversuch Ausdruck. Die Musik ist so auf das gestisch-mimische Spiel abgestimmt, dass sich ihre Verlorenheit über die klagende Stimme mitteilt. Der Film appelliert mit seinen audiovisuellen Zeichen an das Mitempfinden der Zuschauer und macht sie zu alleinigen Zeugen des Zusammenbruchs. Diese Inszenierungsstrategie verdeutlicht beispielhaft, dass Akın mit GEGEN DIE WAND trotz vielfacher ironischer Brechungen der Migrationsthematik die uneingeschränkte Identifikation des Publikums mit den Protagonisten anhand einer ausgefeilten filmischen Gefühlssprache zu erzielen sucht.