Das Video oben zeigt den sogenannten Nachtmarsch zum Frauentag 2012. Er wird seit 2003 jedes Jahr vom Feministischen Kollektiv Istanbul am Abend des 8. März im Stadtteil Beyoğlu auf der Haupteinkaufsmeile İstiklal Caddesi organisiert und von mehreren hundert Feminist*innen besucht. Das Video ist mit dem Lied „Olur/Olmaz" unterlegt, das von dem Istanbuler Musikkollektiv Bandista zum Frauentag desselben Jahres geschrieben wurde und seitdem bei verschiedenen feministischen Veranstaltungen zu hören ist. Die Übersetzung finden Sie rechts.

Der 8. März nimmt bei der Untersuchung von Frauenbewegungen in der Türkei eine zentrale Rolle ein: In Anlehnung an den Soziologen Foucault kann man ihn als transnationales Diskursereignis betrachten, „in dem sich wie in einem Brennglas die frauen- und geschlechterpolitischen Positionen und Forderungen bündeln und die Art und Weise, wie sie verhandelt werden, sichtbar wird" (Niederkofler u.a. 2011, S. 9).

Die Wurzeln des bis in die 70er Jahre hinein als „Dünya Emekçi Kadınlar Günü" (Weltarbeiterinnentag) bezeichneten Tages liegen in Kommunistischen Strömungen des Landes. Historische Quellen belegen, dass der Internationale Frauentag in der Türkei das erste Mal 1921 von Frauen der Türkischen Kommunistischen Partei (TKP) in Ankara im Untergrund gefeiert wurde. Erst für das Jahre 1975 gibt es Belege für eine offizielle Veranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentags. Der Fortschrittliche Frauenverein (İKD), der meist aus (ehemaligen) Mitgliedern der TKP sowie der Konföderation der revolutionären Arbeitergewerkschaften DİSK bestand, feierte den 8. März erstmals öffentlich.

Im Zuge des Militärputschs von 1980 wurde das Begehen des Internationalen Frauentags in der Türkei schließlich verboten. Erst seit 1984 feierten linke Organisationen und die sich zu Beginn der 1980er Jahre neu formierende feministische Bewegung, zunächst meist getrennt, wieder offiziell den 8. März.
Initiiert von der Zeitschrift Pazartesi mit dem Slogan „Endlich organisiert!" wurde 1997 die erste große gemeinsame Aktion von Sozialistinnen, der kurdischen Frauenbewegung und Feminist*innen anlässlich des Weltfrauentags im Istanbuler Stadtteil Șişli organisiert.

Heute wird der internationale Frauentag in der Türkei auch mit „Sekiz Mart" (8. März), „Dünya Kadınlar Günü" (Weltfrauentag) oder auch „Uluslararası Emekçi Kadınlar Günü" (Internationaler Arbeiterinnentag) bezeichnet.
Die größte Veranstaltung zum Internationalen Frauentag findet seit einigen Jahren traditionell im als liberal geltenden Istanbuler Stadtteil Kadıköy statt. So organisierte beispielsweise 2013 das 8. März-Frauenbündnis einen Demonstrationszug und ein Frauenfest, an dem rund 10.000 Frauen teilnahmen. Mehr als 35 Gruppen, unterteilt in autonome Frauenorganisationen, demokratische Massenorganisationen, Arbeits- und Berufsorganisationen, Zeitschriften sowie Frauen von politischen Parteien präsentierten sich und ihre jeweiligen Forderungen in Form eines Festumzugs. Geprägt war die Veranstaltung insbesondere von kurdischen Frauen, die in der kurdisch-linken Partei des Friedens und der Demokratie (BDP) und der kurdischen Frauenbewegung (DÖKH) organisiert sind und anlässlich des 8. März häufig traditionelle, kurdische Festtagskleidung tragen.

Der Tag bietet die Möglichkeit, sich gegenüber aktuellen Debatten zu positionieren und eigene Forderungen zu formulieren. Anlässlich der im März 2013 intensiv geführten Friedensverhandlungen zwischen dem inhaftierten PKK-Führer Abduallah Öcalan und der türkischen Regierung wurden unter dem gemeinsamen Slogan "Wir organisieren uns widerständig gegen geschlechtliche Diskriminierung, gegen Krieg, gegen Armut, gegen Gewalt an Frauen und gegen die Ausbeutung unserer Arbeitskraft!" insbesondere auch die Beteiligung von Frauen am Friedensprozess, die Aufklärung der drei in Paris ermordeten kurdischen Aktivistinnen Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez sowie die Freilassung der kurdischen politischen Gefangenen gefordert.

Daneben haben im Rahmen des Internationalen Frauentags rund 200 weitere Veranstaltungen in Istanbul stattgefunden: Demonstrationen, Protestkundgebungen, Kampagnen, Presseerklärungen, Preisverleihungen, Diskussionsveranstaltungen, Vorträge und Seminare, Korankurse für Frauen, Informationsstände, Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen, Frauenfeste, Versammlungen, Kunst- und Kulturveranstaltungen oder auch Blumenverteilaktionen.

Vergleichbar mit dem Valentins- oder Muttertag werden anlässlich des 8. März in der heutigen Türkei Frauen häufig Blumen geschenkt und kommerzielle Angebote unterbreitet. Aktivist*innen kritisieren deshalb auch die Kommerzialisierung und Entpolitisierung des Frauentags und fordern eine radikale Wiederaneignung des Jahrestages.

Innerhalb der frauen- und geschlechterpolitischen Bewegungsszene in Istanbul wird außerdem diskutiert, ob eine gemeinsame Politik bei zum Teil stark voneinander abweichenden Ideologien und Zielvorstellungen und mit der umstrittenen Kategorie Frau überhaupt möglich sei. Die Debatten drehen sich insbesondere um das Subjekt von Frauen- und Geschlechterpolitiken: Wem gehört der 8. März? Welche Frauen sind am Internationalen Frauentag vertreten und wer bestimmt darüber, wer überhaupt teilnehmen darf? So waren beispielsweise bei den drei Bündnisveranstaltungen zum Frauentag 2013 in Istanbul muslimische Frauen(bewegungen) sowie kemalistische Frauen(bewegungen) und ihre Anliegen kaum hör- oder sichtbar.

Dennoch stellt das 8. März-Frauenbündnis – auch in anderen Städten - einen Ort der Begegnung und Kommunikation zwischen den verschiedenen Organisationen und Aktivist*innen dar, der auch außerhalb des Frauentags zur Mobilisierung bezüglich bestimmter Frauenthemen genutzt werden kann. Dialog und gemeinsames Handeln - bei gleichzeitiger Reflektion von Differenzen und Machtverhältnissen innerhalb der Bewegungen - scheint in Zeiten eines religiös-konservativen Umbruchs in der Türkei, von dem vor allem auch Frauen und ihre Wahlfreiheiten negativ betroffen sind, besonders notwendig zu sein.

Projektseiten

Infos zum Video

Songtext: OLUR/OLMAZ (UNPASSEND)

Text und Musik: Bandista (Türkei, 2012)

Soll der Vater doch kommen, soll der Ehemann kommen.
Soll eure Polizei und euer Staat kommen.
Eure Minister sollen mir meine Rechte geben.
Den Rest will ich nicht, könnt ihr behalten.

Sollen Marsmenschen die Hausarbeit machen.
Wenn ich eine Hexe bin, lasst mir nur den Besen.
Wenn ich will, bekomme ich ein Kind, mag sein.
Wenn ich nicht will, soll die Sippe aussterben.

Ich pfeif' auf die ideale Familie.
Meine Ketten habe ich zerrissen.
Ich werde weder die Schwester noch die Frau
Und im Leben nicht mehr der Mensch sein (den ihr wollt).

Sie nimmt die Morde nicht still hin
Sie sitzt nicht in der Ecke wie ein Kissen.
Sie muss den Schein nicht mehr wahren.
Eine Hauptperson ist kein Statist.

Dreh` sie um, die Welt soll sich andersherum drehen.
Er darf dich nicht schlagen, soll er sich auf's Knie hauen.
Lass deine Schwestern deine Stimme hören,
Frauen sollen auf die Straßen strömen.

Ich kann nicht mehr zu Hause bleiben,
Auf die Straßen, zur Befreiung!
Ich werde weder die Schwester noch die Frau
Und im Leben nicht mehr der Mensch sein (den ihr wollt).

Inspiriert von einem Slogan, der in den 90ern von Frauenbewegungen in der Türkei geprägt wurde, ist dieses Lied eine Rebellion gegen männliche Dominanz, die viele Alltagspraktiken durchzieht; gegen Sexismus und die „Hausarbeit", die er aufbürdet; gegen die „Kernfamilie" als Schauplatz von Unterdrückung, Sexismus, Moralismus, Gewalt und Ausbeutung. Es ist ein Aufruf zu Organisation und Kampf; ein Aufruf, auf die Straßen und Plätze zu kommen und unsere eigene Geschichte zu schreiben.

Text: Bandista