Die Wissenschaftlerinnen führen insgesamt 120 Interviews in Deutschland und in der Türkei, in denen sie Eltern nach ihren Erfahrungen und Überzeugungen zur Erziehung und Entwicklung von Kindern befragen. Der folgende Ausschnitt ist dem Interview mit einem 29-jährigen Vater türkischer Herkunft in Deutschland entnommen.

I: Und bei deiner Mutter? Wie war das bei ihr? Du meintest, sie hat die meiste Erziehung übernommen?

B: Ja, wir waren vier Jungs, die eigentlich hintereinander weg auf die Welt kamen, im Abstand von ein einhalb, zwei Jahren. Was war ihr wichtig? Also ich habe nur gute Erinnerungen, also sie war immer eine sehr liebevolle Mutter, hat viel erklärt, viel mit uns gemacht, war aber auch eine sehr strenge Mutter. Klar, bei vier Jungs, die da im Alter von drei, fünf und sieben zu Hause gewirbelt sind, eine gewisse Strenge gehörte da mit zu, aber sie hat uns auch viel alleine machen lassen. Das war wirklich so, dass sie - wir durften im Schlamm buddeln und da hat sie nicht - : 'Ach, macht euch nicht dreckig' oder so. Die hat uns einfach machen lassen und zu dritt in die Badewanne nachher gesteckt und dann war auch gut. Also sie hat auch immer anderen Eltern gesagt, oder sagt auch heute: 'Ihr müsst einfach locker bleiben und Kinder auch einfach Kinder sein lassen.' Das sagt sie mir auch immer, und sagt: 'Du, da wächst kein Soldat heran, nicht so streng sein, ist ein Kind, lass sie doch einfach mal, lass sie einfach kaputt machen, lass sie einfach umschmeißen, das gehört dazu.'

Selim Karasu, 29, Vater türkischer Herkunft in Deutschland

Der Interviewte, ein Vater türkischer Herkunft, wird nach seinen Erinnerungen an die eigene Mutter und an seine Erziehung gefragt. Daraufhin beschreibt er, wie er und seine Brüder das Erziehungsverhalten der Mutter erlebt haben. Es wird deutlich, dass er ihre Erziehung als Balance von Fürsorge und Strenge ansieht. Seine Mutter achtete zwar darauf, dass die Familienabläufe ‚funktionieren', aber gleichzeitig legte sie Wert auf Freiräume für die selbstständige Entwicklung ihrer Kinder. Ihre Erziehungsvorstellung lässt sich auch aktuell in den Ratschlägen an ihren Sohn erkennen.

Die Interviewpassage zeigt, wie innerfamiliär und intergenerational Erziehungs- und Entwicklungsvorstellungen reflektiert und verhandelt werden.