In den vergangenen Jahren ließen sich mehrere unter Artikel 216/3 des türkischen Strafgesetzbuches eingeleitete Gerichtsverfahren gegen öffentlich auftretende AtheistInnen beobachten. Das wohl prominenteste Verfahren richtete sich gegen den international renommierten Pianisten und selbsterklärten Atheisten Fazıl Say. Say hatte sich in mehreren Tweets nicht nur stolz als Atheist „geoutet", sondern sich darüber hinaus über islamische Jenseitsvorstellungen mokiert. Atheismus selbst findet im türkischen Recht keine Erwähnung. Auch die Verbreitung atheistischen Gedankenguts stellt keinen Straftatbestand dar. Artikel 216/3 des türkischen Strafgesetzbuches sieht stattdessen die Bestrafung „einer jeden Person [vor], die offen die religiösen Werte eines Teils der Bevölkerung beleidigt."

Etwa zeitgleich zum Verfahren gegen Fazıl Say gründete eine Gruppe atheistischer Aktivisten im Frühjahr 2014 die erste Interessenvertretung für AtheistInnen in der Türkei. Der sogenannte Atheismusverband (Ateizm Derneği) setzt sich die Vernetzung türkischer AtheistInnen und die Vertretung ihrer Rechte zum obersten Ziel. Der Verband pflegt ein weitgefasstes Verständnis von Atheismus und versteht sich in diesem Sinne auch als eine Vertretung von DeistInnen und AgnostikerInnen. Zudem startete im Januar 2014 das seitdem monatlich erscheinende Atheistische Journal (Ateist Dergi). Das Journal sieht sich selbst als Plattform zur Verbreitung nicht-theistischen, humanistischen und laizistischen Gedankenguts. Die erste Ausgabe trug bezeichnenderweise den Titel „Warum müssen sich Atheisten organisieren?" („Ateistler Neden Örgütlenmeli?"). Als Mission Statement formulierte die Erstausgabe das Ziel, die Existenz und die Belange der in der Türkei lebenden AtheistInnen öffentlich sichtbar zu machen.

Zur Untersuchung zeitgenössischer Diskurse um Atheismus wird sich die Studie in diesem ersten Schritt auf qualitative Experteninterviews mit RepräsentantInnen der genannten Organisationen konzentrieren. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, das „atheistische Feld" zu erkunden und am Ende umfassend abzubilden. Die Experteninterviews mit VertreterInnen des Ateizm Derneği und des Ateist Dergi zielen ferner darauf ab, einen Überblick über die rechtliche und politische Situation türkischer AtheistInnen, ihre Bedürfnisse und Forderungen, ihre Organisationsstrukturen und ihre Taktiken für mehr Visibilität im öffentlichen Raum. Die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Präsenz in sozialen Medien werden unter diesen Gesichtspunkten in die Untersuchung einbezogen. Das Streben nach öffentlicher Sichtbarkeit führt direkt zur Frage nach der Wirkungsmächtigkeit (gegen)hegemonialer Diskurse, die auf die aktuell in der Türkei dominierende Kultur eines religiös geprägten Konservatismus gerichtet sind.