Projektbeschreibung

Ein Projekt des Centrums für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS) an der Philipps-Universität Marburg in Kooperation mit dem Institut für Soziologie der Bahçeşehir Universität in Istanbul.

Ziel des Forschungsprojektes ist die Untersuchung zeitgenössischer Diskurse um Atheismus in der Türkei. Die Bedeutung des Themas Atheismus ist im Kontext des sich gegenwärtig in der Türkei vollziehenden Kulturkampfes zu sehen. Bereits seit geraumer Zeit strebt die herrschende Elite danach, die von ihr favorisierte Kultur eines frommen Konservatismus zur gesellschaftlichen Norm zu erheben, um auf diese Weise ihre politische Macht in Staat und Gesellschaft zu festigen. Moralisch-religiös sensible Themen wie Nacktheit, Sexualität, Alkoholkonsum, Evolutionsbiologie oder Religionskritik unterliegen in zunehmendem Maße einer systematischen Verbannung aus Bildung und Medien, während sich gleichzeitig eine staatliche Stärkung religiöser Bildungsangebote und eine zunehmende Sichtbarkeit religiöser Referenzen und Symboliken in Politik und Gesellschaft beobachten lässt. Das erklärte Ziel der Erziehung einer neuen, religiösen Generation stellt das bisherige Modell des türkischen Säkularismus und die sich aus diesem speisende nationale Identität zunehmend in Frage. Auch die in der türkischen Verfassung garantierten individuellen Menschenrechte – in diesem Falle der Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit im Sinne einer Freiheit auf und von Religion – scheinen angesichts der jüngeren Entwicklungen in Bedrängnis zu geraten.

Die öffentliche Sichtbarkeit nicht-religiöser, atheistischer Lebensweisen stellt die kulturelle Hegemonie des frommen Konservatismus und damit den Herrschaftsanspruch der regierenden Elite in Frage. Die Beanspruchung öffentlichen Raums kann somit als effizientes Mittel zur Forderung nach politischer Macht fungieren. Atheismus wird in diesem Sinne Teil eines (gegen)hegemonialen Diskurses um die politische Bedeutung von Kultur (The Politics of Culture) untersucht.

Kontakt

Dr. Pierre Hecker
Philipps-Universität Marburg, Centrum für Nah- und Mittelost-Studien
Deutschhausstraße 12
35032 Marburg
+ 49 6421 28 24 957
ed.grubram-inu.ffats@rekceh.erreip

 
*„Glücklich derjenige, der sich Atheist nennt." Adaption der auf Mustafa Kemal Atatürk zurückgehenden Wendung „Ne mutlu Türküm diyene" („Glücklich derjenige, der sich Türke nennt"). Der Ausspruch, der noch vor wenigen Jahren an türkischen Schulen als Bekenntnis zur türkischen Nation eingesetzt wurde, ist politisch brisant; nicht nur als Referenz auf Mustafa Kemal, sondern insbesondere auch als Symbol für die systematische Negierung eines kulturellen Pluralismus in der Türkei.