Wie lässt sich das System der sozialen Sicherheit in der Türkei bezüglich sozialer Rechte und Sozialausgaben im europäischen Kontext vergleichend einordnen? Um Fragen dieser Art zu erforschen, benutzt das Forschungsprojekt neu generierte, quantitative Daten über das System der sozialen Sicherheit in der Türkei zwischen 1980 und 2015 und verbindet diese Daten mit state-of-the-art Datenbanken und Indexen westlicher Wohlfahrtsstaatsforschung.

Forschungen zum System der sozialen Sicherheit der Türkei wurden bisher vom Mangel an zuverlässigen, quantitativen Daten, welche einen Vergleich mit europäischen Wohlfahrtsstaaten ermöglichen würden, beeinträchtigt. So gab es zum Beispiel so gut wie keine vergleichenden Daten zu sozialen Rechten in der Türkei. Basierend auf neu entwickelten Daten werden in dem Forschungsprojekt Werte für wichtige Indexe der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung, wie z.B. dem Dekommodifikationsindex und dem Benefit Generosity Index, für die Türkei berechnet. Diese Berechnung ermöglicht es, die Qualität und das Ausmaß der sozialen Rechte in der Türkei mit der Situation in europäischen Wohlfahrtsstaaten zu vergleichen.

Das Projekt nutzt außerdem die dem Dekommodifikationsindex und dem Benefit Generosity Index zugrundeliegenden Daten. Diese Indexe bestehen jeweils aus zahlreichen einzelnen Indikatoren, die detaillierte Informationen über die jeweiligen Systeme der sozialen Sicherung beinhalten. Das Projekt setzt dabei auf die Methode der Clusteranalyse, um diese einzelnen Indikatoren im Detail zu erforschen. Dies ermöglicht es, die Position des türkischen Wohlfahrtsregimes innerhalb der verschiedenen Welten der Wohlfahrt zu lokalisieren. In diesem Sinne leistet das Projekt einen Beitrag zur Beantwortung der Frage, inwiefern das türkische Wohlfahrtsregime tatsächlich – wie von vielen Forschern angenommen – dem südeuropäischen Wohlfahrtsregime ähnelt.

Vorläufige Ergebnisse deuten an, dass sich das System der sozialen Sicherung in der Türkei in den letzten Jahrzehnten den europäischen Wohlfahrtsstaaten angenähert hat. In diesem Zeitraum ist der türkische Sozialstaat gewachsen, vor allem durch die Ausweitung des Deckungsgrades von Sozialprogrammen, aber auch durch die Einführung von neuen Programmen wie z.B. einer Arbeitslosigkeitsversicherung, die seit 2002 Arbeitslosengeld auszahlt. Dies spiegelt sich auch in höheren Benefit Generosity Index-Werten wider. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Türkei, einerseits zwar immer noch eine Nachzüglerin auf dem Gebiet der Sozialpolitik ist, aber andererseits nunmehr zumindest in der gleichen Liga wie europäische Länder spielt.