Ziel des Forschungsprojekts TRIANGLE ist es, die Entwicklungen in den EU/Deutschland-Türkei- Beziehungen nachzuzeichnen und dabei grundlegende Wendepunkte zu identifizieren. Ein grundlegender Wendepunkt würde sich zum einen in der  institutionellen Struktur der Beziehungen  niederschlagen. Zum anderen müsste ein ‚Blickwechsel‘ bei den involvierten Akteuren feststellbar sein. Dieser impliziert einen Wandel der vorherrschenden Narrative in den Dreiecksbeziehungen zwischen der EU/Deutschland und der Türkei.

Narrative verdeutlichen, wie politische Akteure vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Entwicklungen beurteilen und wie sie ihr politisches Handeln rechtfertigen. Die Analyse von Narrativen zeigt demnach auf, welche Dynamiken sich in den Beziehungen zwischen der EU/Deutschland und der Türkei entwickelt haben und leitet davon verschiedene Szenarien für die Zukunft der Beziehungen ab.

TRIANGLE’s Analyse baut auf vorherrschenden Narrativen in bereits existierender Literatur auf (siehe z.B. Hauge et.al. 2016). Exemplarisch sollen hier die drei prominentesten Narrative-Paarungen präsentiert werden:


Tabelle 1: Übersicht Narrative in EU-Türkei-Beziehungen

 

EU/Deutsche PerspektiveTürkische Perspektive
KonvergenzEuropäisierungVerwestlichung
KooperationPartnerschaft 
KonfliktDie Türkei als „das Andere“Neo-Ottomanismus

Quelle: Hauge, Hanna Lisa: Mapping Milestones and Periods of Past EU-Turkey Relations. (mit Atila Eralp, Wolfgang Wessels, Nurdan Selay) FEUTURE working paper, 2016.


Das Narrativ der Europäisierung geht davon aus, dass jeder Staat, der die Kopenhagener Beitrittskriterien erfüllt, Mitglied der Europäischen Union werden kann. Eine Mitgliedschaft ist allerdings ein allein seitens der EU zu vergebendes Privileg, welches zudem auch Lenkungscharakter hat. Die Aufnahme weiterer Mitgliedstaaten ist ein Machtinstrument, mit dessen Hilfe die EU Transformationsprozesse in den jeweiligen Ländern auslösen kann.

Ebenso von der Idee der Annäherung geprägt ist das Narrativ der Verwestlichung. Es beruht auf der These, dass die ‚Modernisierung‘ der Türkei in enger Anlehnung an Europa – und dabei insbesondere Deutschland stattfand und immer noch stattfindet. Das Narrativ der Verwestlichung war besonders in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung der türkischen Republik unter Staatsgründer Atatürk sehr präsent. Ein EU-Beitritt der Türkei lässt sich als Ziel der Verwestlichung für die Türkei-EU Beziehungen ableiten. Die beiden Narrative der Europäisierung und der Verwestlichung würden demnach auf eine (Wieder-) Aufnahme des Beitrittsprozesses hinauslaufen.

Die Idee der EU-Türkei Beziehungen als Partnerschaft geht mit einem wesentlich zurückhaltenderen Ansatz einher. Es greift das Konzept einer intensivierten Partnerschaft auf, die allerdings das Ziel der Mitgliedschaft nicht beinhaltet. Dieses Narrativ wurde von Kanzlerin Merkel geprägt, stieß aber in der Türkei auf großes Missfallen und der Begriff der „privilegierten Partnerschaft“ wurde in Deutschland daraufhin gemieden.

Das identitätsbasierte, europäische Narrativ der Türkei als „das Andere“  verweist auf die geographischen Grenzen des Europäischen Kontinents und hinterfragt auf dieser Grundlage die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa.  Kulturelle Unterschiede werden betont und die Unvereinbarkeit des türkischen Systems mit dem der EU in den Vordergrund gestellt.
Ebenso auf Abgrenzung bedacht  ist die Logik des Neo-Osmanischen Narratives. Es stellt ein Gegenmodell zum Verwestlichungsnarrativ dar und sieht die Türkei als Erbin des Osmanischen Reiches, das seine Regionalmacht weiter ausbauen sollte. Dieses Narrativ erlangte mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei besondere Prominenz und äußert sich auch in einer vom Westen ab- und zur unmittelbaren Nachbarschaft hingewandten Außenpolitik.
Beide Narrative deuten auf ein Szenario der konfliktgeladenen Beziehungen zwischen der EU/Deutschland und der Türkei hin.