Die Abbildung zeigt auf, welche Gas-Pipelines die Türkei aktuell versorgen (durchgezogene Linien), dokumentiert aber auch potenzielle Pipelineprojekte (gestrichelte Linien). Diese Informationen bilden die Basis für die Arbeit des EWI-Simulationsmodells TIGER, mit dessen Hilfe Szenarien über die Erdgasversorgung der Türkei bewertet und verglichen werden.

Heute wird die Türkei neben einer Anbindung an iranische Gasfelder durch Gas aus Aserbaidschan versorgt. Allerdings ist der größte Gaslieferant Russland. So verläuft die Blue Stream Pipeline aus Russland kommend durch das Schwarze Meer. Eine andere wichtige Transportroute für russisches Gas verläuft über die Ukraine, Rumänien und Bulgarien. Daneben besitzt die Türkei zwei Terminals, um Flüssiggas (LNG) zu importieren, außerdem Gasspeicher, um eine schwankende Sommer- und Winternachfrage auszugleichen. Das EWI-Simulationsmodell TIGER berücksichtigt alle diese genannten Infrastrukturelemente.

Daneben zeigt die Abbildung einige potenzielle Pipelineprojekte auf. Sie sind entweder schon in Planung oder sie wären notwendig für die Anbindung an größere Gasproduktionsstätten wie etwa das Leviathan-Feld vor der Küste Israels, Gasfelder in Aserbaidschan oder im Irak.

Sollten einige der geplanten Anbindungen realisiert werden, könnte die Türkei aus ökonomischer Sicht zu einem Energiehub werden, d. h. zu einem wichtigen Knotenpunkt der europäischen Erdgasversorgung. Dagegen hätte ein geplantes Pipeline-Projekt, die South Stream Pipeline, den Status der Türkei als Transitland erheblich geschwächt. Diese Pipeline hätte nämlich die Türkei umgangen und russisches Gas durch das Schwarze Meer direkt nach Europa transportiert. Im Dezember 2014 gab der russische Präsident Putin allerdings bekannt, das South Stream Projekt nicht weiter zu verfolgen. Stattdessen plant Russland nun eine weitere Pipeline für russisches Gas in die Türkei mit dem Namen Turkish Stream.

Die Resultate des TIGER-Modells geben Aufschluss über den ökonomischen Nutzen von möglichen Infrastrukturerweiterungen und die entsprechenden Auswirkungen auf die Gasflüsse sowie die Versorgungssicherheit Europas. Eine wichtige Frage ist allerdings, ob die geopolitischen Faktoren eine Realisierung der Pipelineprojekte überhaupt zulassen. Zu diesen Faktoren zählen unter anderem die schwierigen politischen Verhältnisse im Kaukasus, in weiteren Einflussbereichen von Russland, die politischen Entwicklungen im Iran sowie Irak und nicht zuletzt die geostrategischen Interessen der USA. Sie determinieren die Möglichkeiten der Türkei, in Zukunft ein Energie-Knotenpunkt zu werden. Zu diesen Themen arbeitet die interdisziplinäre Forschergruppe von Ökonomen und PolitikwissenschaftlerInnen eng zusammen. Die PolitikwissenschaftlerInnen erweitern die Modellergebnisse um die geopolitischen Determinanten.