„Also in der Türkei, in dem Umfeld, in dem wir uns befinden, gab es eine eins-zu-eins-Beziehung, [also] der Frauenorganisationen mit den feministischen Frauen in der Akademia. Weil wir aus jenen Frauenorganisationen gekommen sind oder auch häufig [mit] […] Frauenrechteorganisationen gemeinsame Sachen geplant haben. Ausbildungsprogramme, [...] Panels, Diskussionsgruppen oder Aktionen. [...] die meisten der Lehrkräfte, die im Bereich der Frauenstudien lehren, waren eigentlich mit den Frauenrechteorganisationen verbundene, also aktivistische Frauen.“  (Sancar 2014)

In dieser im Rahmen des Forschungsprojektes „Frauenbewegungen im innertürkischen Vergleich" generierten Interviewpassage beschreibt Serpil Sancar, Professorin für Politikwissenschaft und Direktorin des Frauenfragenforschungs- und -anwendungszentrums (Kadın Sorunları Araştırma ve Uygulama Merkezi) an der Ankara Universität das historisch enge Verhältnis der institutionalisierten Frauen- und Geschlechterforschung zur feministischen Bewegung in der Türkei.
Die ebenfalls an der Ankara Universität tätige Sozialwissenschaftlerin Nermin Abadan-Unat organisierte bereits 1978 einen internationalen Kongress zum Status der Frau in der Türkei. Außerdem wurden Frauenstudien in unterschiedliche Disziplinen integriert. Allerdings wurden erst nach der Formierung einer unabhängigen feministisch orientierten Frauenbewegung in den 1980er Jahren feministische Diskurse schließlich auch in der Türkei als Lehr- und Forschungsgebiet im Wissenschaftssystem institutionalisiert. So gründeten feministische und aktivistische Akademikerinnen das erste Frauenstudienzentrum 1989 an der Istanbul Universität und richteten in den 1990er Jahren Masterprogramme zu Frauenstudien an Universitäten in Istanbul, Ankara und Izmir ein. Neben einer Diskurskritik durch die Frauenstudienzentren wurde gerade innerhalb dieser Masterprogramme feministische Kritik an den Sozialwissenschaften sowie der politischen und gesellschaftlichen Agenda der Türkei geübt.